Beitrag 1 von Ildikó von Kürthy

Schreiben wir gemeinsam! Über die Heimat.

Bis heute fällt es mir schwer, meiner Heimat zu verzeihen, dass sie kein Ort ist, an den ich zurückkehren kann. Sie liegt in der Vergangenheit. Erreichbar nur über diese brüchige Brücke aus Erinnerungen und Sehnsüchten, die mir stets vorgaukeln, früher sei das Wetter besser, die Sorgen kleiner und das Leben unbeschwert gewesen. Ich versuche, eine Heimat in mir zu finden, ein tragbares Zuhause.

Beitrag 2

Autor: Elli Drenkow

Wo ist sie? Die Heimat?

Keine einfache Frage in heutiger und auch vergangener Zeit. Kriege bspw. haben Völker schon immer aus ihrer Heimat vertrieben - eine neue zu finden und anzunehmen fällt schwer, wenn die alte keine Option mehr ist und man mit Traditionen daherkommt, die anderswo sehr fremd anmuten und Akzeptanz und Respekt einfordern.
Heimat sollte dort sein, wo man sich wohl, angekommen und sicher fühlt. Solch einen Platz zu finden ist sicherlich eine Aufgabe, die manch einer sein ganzes Leben verfolgt. Letztendlich ist aber die Fähigkeit, sich heimisch zu fühlen, aufgeschlossen, mutig und neugierig Neues anzugehen mit Sicherheit eine Entwicklungsfrage, die im Kindesalter beginnt und im besten Fall den Erwachsenen dann zu einem kompatiblen Zeitgenossen macht. In der heutigen Zeit, in der oft das Arbeitsumfeld oder die Arbeitsmöglichkeit die "neue Heimat" bestimmen, ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht immer einfach, neue Umfelder zu erschließen, für sich anzunehmen und sich auch mit Dingen arrangieren zu müssen, die eben gerade nicht unbedingt ins Lebensschema passen wollen. Dazu gehören eine Menge Mut und Selbstvertrauen. Die Entscheidung darüber, wie ich leben will und wo ich mich eben gerade heimatlich verbunden fühle, liegt bei jedem selbst. Das muss nicht der Geburtsort sein - Heimat kann der Lieblingsort sein, an dem ich mit meinem Lieblingsmenschen in einem aufgeschlossenen Umfeld lebe, arbeite, gesunde soziale Beziehungen pflege und mich angenommen und sicher fühle.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Danke, liebe Elli! Du hast Recht. Die Suche nach der Heimat kann ein Leben lang dauern und ist ein Prozess. Meine Freundin Meike Winnemuth sagt: "Heimat ist, wenn man´s merkt!" Also, lass uns aufmerksam sein! Herzlich! Deine Ildikó

Beitrag 3

Autor: Theresa Huchler

Liebe Ildiko - die Heimat, das ist für mich unter anderem die Erinnerung an Häuser und Wohnungen, die man bereits verlassen hat, die einige Jahre zu Hause waren - und diese Erinnerungen überfallen mich oft in schönen Träumen, wo man wieder durch diese spaziert und alles ganz klar und greifbar ist! Wir sind sehr oft umgezogen in meinem Leben, da gehen sich ein paar Träume aus ;) Besonders schön ist es, wenn solche Orte auch noch wirklich existieren - solche Plätze, wie das Haus meiner Großmutter zum Beispiel. Es liegt in einem Ort im schönen Österreich, im Speckgürtel Wiens, am Rande der großen Stadt, ein mondänes, alt-herrschaftliches Stückchen Erde, wo sich alt-ehrwürdige Bauten in Schönbrunner Gelb und dunkelgrün aneinanderreihen, umgeben von den Hügeln des Wienerwaldes. Es ist ein geschichtsträchtiges Haus, ebenfalls im Schönbrunner Gelb, mit grünem Gartentor und grüner Holzverranda, umrahmt von Jahrzehnte alten Rosenbüschen, umgeben von ebenso alten Fichten und Tannen und einem riesengroßen Garten, der früher alles beherbergt hatte, was das Herz begehrt. Ein Wäldchen, wo bereits meine Mutter und mein Onkel als Kind gerne verstecken spielten. Kirsch-, Zwetschgen- und Apfelbäume, Ribisel-, Himbeer- und Stachelbeersträuche, Blindschleichen, Hühner und Hasen, die regelmäßig der Marder holte und eine Schaukel unter dem großen Nussbaum. Vor wenigen Wochen hatte meine 90-jährige Großmutter einen kleinen 'Vorfall', einen Unfall. Die, die immer alles selber machen muss, resolut, nie wehleidig, wollte sich nach ihrem 'Waschtag' Besen und Schaufel aus dem Keller holen, ist gestürzt und nicht mehr hochgekommen und leider 1,5 Tage alleine in ihrem Haus gelegen, bis sie Mario, ein Freund der Familie, gefunden hat. Es geht ihr jetzt wieder gut, aber diese Schocksituation hat uns in diesen letzten Wochen als Familie wieder sehr nahe gebracht. Trotz Corona haben wir uns nun alle wieder um sie versammelt (so vorsichtig es halt geht) um sie mit Liebe und selbst gekochten Köstlichkeiten wieder aufzupeppeln. Und da waren wir alle wieder da, in diesem ihrem, unserem Haus und es war anders, denn auf einmal hat man daran gedacht, wie lange wird es das Haus noch geben? Wie lange wird es meine Oma noch geben? Selbstverständliches wird irgendwann auch nur mehr bloße Erinnerung sein. Und so spaziere ich diese Male ganz bewusst durch dieses alte, verzaubernde Haus, das spricht, wenn man genau hinhört, denn es hat viel erlebt. Ein Geschenk an meine Großeltern ganz zu Beginn ihrer Ehe vom Onkel aus Amerika, der dahin ausgewandert war um als Architekt, gemeinsam mit der Tante sein Leben in den USA zu verbringen. Russische Soldaten, die es im 2. Weltkrieg besetzt hatten und im Zimmer neben der Küche, das jahrelang Opas Schlafzimmer war, wo auch sein Klavier steht, das nun Omas Malatelier ist, gewohnt haben. Ich hatte immer Angst, wenn ich in diesem Zimmer als Kind eingeschlafen bin. Owbohl das Haus für mich so heimelig ist, haben hier doch noch die Geschichten der Vergangenheit viel Raum und wirken nach. Trotzdem war und ist dieses Haus auch eine Burg für so viele Menschen unserer Familie. Im Erdgeschoss haben meine Großeltern residiert und der Dachboden wurde von meiner Mutter ausgebaut und als kleine feine Wohnung genutzt, als sie mit mir schwanger war. Damals hatte sie gerade eine Scheidung hinter sich gebracht und war nach einem zweimonatigen Segeltörn im ironischen Meer mit einer kleinen 'Überraschung' nach Hause gekommen. Dem griechischen lustigen Bootsfahrer und Surflehrer, der sie und ihre Freundin am letzten Tag auf einen Ausflug begleitet hatte und der sie, als sie eigentlich schon zu Bett gehen wollten, noch ganz romantisch mit dem Boot aufs stille Meer entführt hatte, wollte sie damals nichts von ihrer Schwangerschaft und mir sagen, sie hatte Angst. Also war meine Großmutter im Erdgeschoss für mich ganz nahe, ganz wichtig, und wir haben die ersten drei Jahre meines Lebens im Dachgeschoss ihres Hauses gewohnt. Viel später hat dann meine jüngere Schwester einige Jahre während ihres Studiums 'am Boden' gehaust, einige Zeit später hat meine Cousine nach ihrem Burnout dort oben wieder Ruhe und Kraft gefunden und einige Monate dort gewohnt nach einem zu sehr fordernden Job im EU Parlament in Brüssel. Wieder einige Zeit später war es nochmals eine Übergangslösung als ich mit meinem Mann zusammengekommen bin und wir haben zu zweit die Idylle der Dachbodenwohnung genossen. Momentan nutzt meine Mutter die Wohnung als Massagepraxis und sie steht jederzeit für alle offen, die es auch als Übernachtungsmöglichkeit benötigen. Unsere 'Burg'. Da hängen noch die Portraits von mir, meiner Schwester und meinen Cousins, die meine Oma gemalt hat. Teresa - Ostern 1993. Da hängt das Schild, das ich damals aus Zeitschriften gebastelt hatte an der Toilettentür. Da steht die Bialetti meiner Cousine in der Küche und im Schlafzimmer findet man einen Spielebogen von der Tochter meiner Cousine, den jetzt gerne meine Tochter bespielt. Da stehen die Schulordner meiner Schwester im Schrank und im kleinen süßen IKEA-Bad mit dem Dachschrägenfenster und den maritimen blau-weißen Fliesen liegt meine alte Brille, die ich mit 14 Jahren bekommen habe. Und dann lasse ich mich auf die orangene, ultra bequeme Couch im Wohnzimmer fallen, ein Geschenk an mich von meiner Tante. Auf dieser habe ich vor 10 Jahren immer meine Freitag Abende mit Essen meines Lieblingsthai-Restaurants nach der Arbeit und 1,2 oder 3 Folgen Sex and the City verbracht. Ich schaue auf die lila Vorhänge, die ich damals aufgehängt habe und auf die Fenster dahinter, die ich das einzige Mal geputzt habe, als gerade die Hochzeit von Herzogin Kate und Prinz William im TV übertragen wurde (damals gab es ja soo viele Rührungstränen und bitte wie hübsch war Kate und ihr Kleid) und schaue dann auf meine Tochter, die jetzt bald ein Jahr alt wird. 'Schau, meine kleine Nora, hier ist deine Mama schon gewesen als sie ein kleines Baby war. Hier ist meine Heimat, ganz tief verwurzelt und auch die Heimat von vielen anderen - ein ganz besonderer Platz und ich sauge jeden Moment in mich auf und halte fest und speichere tausend mal ab fürs 'Archiv', sodass ich immer wieder an diesen Ort zurück kehren kann, obwohl dieser vermutlich in nicht allzuferner Zukunft nur mehr in meiner Erinnerung existieren wird!


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Theresa,

ganz versunken und ergriffen habe ich Deinen Text gelesen. Was für ein Schatz so ein Haus voller Erinnerungen ist. Fast fühle ich mich nach Deinen Beschreibungen schon selbst dort zu Hause. Grüße bitte herzlich alle derzeitigen Bewohner! Deine Ildikó

Beitrag 4

Autor: Sabine Lorenz

Liebe Ildiko,
Heimat, was für ein Wort!

Da sind viele Orte,die dazu gehören.

Ich komme Heim, wenn Gerüche, Licht und Landschaft mich am gute Plätze meiner Kindheit erinnern.
Sofort ist sie da, die Vertrautheit, die Geborgenheit die ich damals empfunden habe. Gerne lasse ich mich einfangen, lasse mich überraschen, lasse mich erinnern, wenn mich, so ganz unerwartet dieser oder jener Impuls trifft, wie aus heiterm Himmel.

Heimat kann aber auch eine vertraute Geste, eine vertraute Handlung sein. Ich habe schon immer Zuhause drei Mal auf den Klingelknopf gedrückt und wer öffnet da, auch heute noch,die Tür? Meine Mutter!

Meine Heimat ist ein winziges Dorf in einer bezaubernden Landschaft. Wenn ich von einer Reise, einer Fahrt, egal ob ich kurz oder länger fort war, eine bestimmte Kurve umfahre, kommt die Vorfreude auf das was ich sehen werde. Es ist unser kleines Dorf, meine Heimat. Ein Ort, mit gewohnten, Ecken und Kanten.

Ja und dann bin ich, in erster Linie, da zu Hause, wo mein Heim ist.
Dort wohnt mein Herz, meine Liebe, meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft.
Hier finde ich alles, was ich zum Glücklich sein brauche. Das habe ich, gerade in den letzten Monaten gespürt. Mehr brauche ich nicht. ;)

"Past scho", sagt der Franke und das ist höchste Lob.

Deine Sabine


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Danke, liebe Sabine! Jetzt, wo ich Deinen Text lese, fühle ich mich auch zurückversetzt in meine Heimat, die vertrauten Ecken und Kanten, wie Du schreibst - und jetzt fallen mir sogar auch ein paar vertraute Gesten und Handlungen ein, wo ich darüber nachdenke. Danke, dass Du mich daran erinnerst hast!

Herzliche Grüße!

Deine

Ildikó

Beitrag 5

Autor: Andreas S.

Ich vermutete meine Heimat in der Idylle,
nostalgisch wie in einem Heinz Rühmann Film,
eingebettet in einer Dorfgemeinschaft mit fröhlichen Festen,
aufgewachsen mit bodenständigen, ausgewogenen Ansichten,
eine liebe Familie und Freunde vom Sandkasten an,
gleich einem Bild von Carl Spitzweg,
das Idyll als stützendes Korsett in der verwirrenden Vielfalt der Welt.
Ich wurde mir bewusst,
all dies ist sind nur die äußeren Lebensumstände,
niemals werden diese vollständig idyllisch sein,
es ist ein Unterfangen und man verliert viele Jahre,
mit der perfekten Gestaltung eines Designer-Lebens.
Die wahre Suche galt einer Stätte in mir selbst,
ich ging durch das lange unbeachtete Tor der Achtsamkeit,
vorbei durch die Höhle der Zeit,
sah auf dem Scherbenhaufen der Geschichte,
Gold, Juwelen und ausgelöschte Königreiche.
Atemzug für Atemzug schob ich Geröll und Unruhe zur Seite,
entfernte den Schleier der Gewöhnlichkeit,
von den Wundern und Freuden des Daseins.
Eine seltsame Stille durchströmte mich,
und obwohl die Brandung des Lebens stürmisch war,
fand ich auf dem Urgrund meiner Seele,
einen festen Anker …. meine innere Heimat.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Innere Heimat. Sehnsuchtsort! Ich suche noch, sehr herzlich, Deine Ildikó