Beitrag 1 von Ildikó von Kürthy

Schreiben wir gemeinsam! Über unsere Kindheit.

Kindheit ist ein Märchen. Eine rührende oder auch haarsträubende Geschichte, die oft wenig mit Wahrheit und Realität zu tun hat. Kindheit ist das, was wir mit Kinderaugen wahrnehmen – und da wird so mancher, eigentlich harmlose Schatten zum bedrohlichen Monster, die Erkrankung der Mutter zur existentiellen Bedrohung oder die Scheidung der Eltern zum Trauma des Kindes, das sich daran schuldig fühlt. Wie gut, dass man als Erwachsener die Möglichkeit hat, die Manipulationen zu erkennen, die unser Unbewusstes an unseren Erinnerungen vorgenommen hat, wie ein Halbstarker an seiner Enduro. Je älter wir werden, je mehr endgültig erreicht oder auch endgültig nicht erreicht ist, desto mehr sollten wir uns fragen, wie es wirklich war. Woher wir kommen, warum wir so sind, wie wir sind, was für Altlasten wir im Lebensgepäck haben und ob es nicht an der Zeit ist, wenigstens einen Teil von ihnen abzuwerfen? 

Beitrag 2

Autor: Sabine R.

Liebe Ildikó,

Ich stelle mir eher Fragen wie "Wo ist die Zeit geblieben" oder "Früher war alles anders". Doch wann ist früher? Ist früher nicht auch jetzt? Und kann es morgen zu spät für früher sein?

Ja, wo ist die Zeit geblieben? Diese Frage stell ich mir ständig. Selbst meine Kinder sind inzwischen junge Erwachsene. Ich sitze inzwischen 52jährig bei mir Zuhause, alleine, mit dem Wissen, dass die besten Jahre im Grunde vorbei sind. Oder doch nicht?

War meine Kindheit die beste Zeit meines Lebens? Wohl kaum. Eher die Jahre mit den existentiellsten Erfahrungen. Erfahrungen die prägend waren. Erfahrungen die keiner machen will aber doch machen muss. Auch um seinen Weg zu finden. Es gibt sicherlich schöne Erinnerungen. Ein paar Wenige. Doch die meisten waren eher belehrend, unterdrückend, belastend, frei von Liebe, Zuneigung, Anerkennung. Frei von dem was ein Kind bräuchte um in dieser inzwischen so grauen Welt zu bestehen ohne größeren Schaden zu nehmen.

Also was halte ich persönlich für meiner Kindheit? Oder vielmehr was würde ich gerne dafür halten?
Unbeschwertheit, keine Gedanken machen müssen über das was noch kommen mag, was gewesen ist oder was gerade geschieht. Nur Liebe, Zuneigung, Anerkennung.

Doch die Realität war leider eine andere.
Und trotzdem habe ich es geschafft, nach vielen Kämpfen gegen andere und auch gegen mich selbst, die zu sein die ich schon viel früher hätte sein sollen.

Ganz liebe Grüße,

Sabine


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Sabine,

danke für diesen wunderbaren Text! Ich frage mich das auch so oft: Ist die beste Zeit meines Lebens vorbei? Ich finde, Du ahst auf diese Frage für Dich eine sehr positive und inspirierende Antwort gefunden. Herzlich! Deine Ildikó

Beitrag 3

Autor: Doris Günther

Meine Kindheit hat klebrige Finger, riecht nach Zuckerwatte, nassem Gras und Pferdeställen. Sie fühlt sich an wie 100 Purzelbäume und einem Lachanfall mit wunderbaren Bauchschmerzen. Behütet ist sie, meine Kindheit, so sehr, wie das geheimste Geheimnis der weiten Welt. Beschützt, geborgen und geliebt ist sie. Die Kindheit weiß, dass sie richtig ist, dass sie einzigartig ist und dass es keinen kostbareren Schatz gibt als sie. Sie ist liebevoll umarmt, eingebettet in ein Umfeld, in das sie sich hinein entspannen kann. Sie darf streiten ohne abgelehnt zu werden, sie darf wollen ohne beschämt zu werden. Sie darf Träume haben und sich für sie einsetzen. Sie darf sich in junge Hunde verlieben und sich einen nach Hause holen. Sie probiert sich aus, ist mutig oder auch nicht. Wie auch immer, sie ist, wie sie ist und so ist sie recht.
Die Kindheit fühlt sich in der Welt zu Hause.

Meine Kindheit steckt noch in den Kinderschuhen. Die viel zu großen Schuhe von früher stelle ich ins Kellerregal, auf Augenhöhe. Wertschätzend, dass sie mich bis hierher getragen haben.
Jetzt aber bin ich erwachsen genug, um mir endlich das Gefühl "Kindheit" erschaffen zu können. Möge meine Kindheit bis ans Ende dauern. Mach ich's eben verkehrt rum. Das ist mein neues Richtig.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Doris,

Purzelbäume und junge Hunde! Dein Text beflügelt mich, wie großartig Du schreiben und beschreiben kannst! Danke!!! Deine Ildikó

Beitrag 4

Autor: Doris Blöchl

Als 72er Jahrgang fühle ich mich nicht wie der Wein, der mit dem Alter auch mehr Reife und Geschmack bekommt. Stattdessen trauere ich tatsächlich vielen unbeschwerten Momenten meiner Kindheit nach, obwohl es keine Bilderbuch-Version derselben war. Das Gefühl der Unbeschwertheit und das Wissen um den sicheren Hafen namens Heimat und Elternhaus habe ich für scheinbar ewige Jahre nicht mehr empfunden und scheine meinen Platz in der Erwachsenenwelt samt Verantwortung und den täglichen Pflichten, trotz zweier toller Kinder und einem sehr geduldigen Ehemann immer noch nicht gefunden zu haben. Der Schein nach außen trügt wie wahrscheinlich bei vielen Frauen mittleren oder fortgeschrittenen Alters, die so tun als hätten sie alles im Griff. Ich denke, die Kindheit endet dann, wenn die letzte Illusion geraubt wurde und der letzte Traum unerfüllt geblieben ist. Und vielleicht auch dann, wenn die Routine zum Alltag wird.

Liebe Ildiko von Kürthy, ihre Texte und Bücher sind so toll, ich verneige mich vor ihrem Talent, mit Worten große Emotionen auszulösen.

Viele Grüße
Doris


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Doris,


ich wünsche Dir, dass deine Kindheit nie vorbei geht, dass Du Deine Illusionen behälts und ja, Dich vielleicht stets ein wenig auf der Suche befindest nach Deinem Platz in der Erwachsenenwelt. Diese Zweifel halten uns lebendig und machen uns menschlich. Danke für Deinen wunderbaren Text und herzliche Grüße! Deine Ildikó

Beitrag 5

Autor: Kinga Schilling

Liebe Ildikó,
wie du das schreibst, die Kindheit prägt, hinterlässt ihre Sonnen- und Schattenseiten. Je älter ich werde, umso mehr betrachte ich diese Seiten aus einem anderen Blickwinkel .
Von außen betrachtet aufgewachsen in einer behüteten Familie in einer Kleinstadt am Plattensee, scheint eine kleine Idylle zu sein. Wenigstens bis die Ehe meiner Eltern nicht mit dem Bröckeln anfing. Oder auch schon davor. So viele Erinnerungen! Die Sonntagsspaziergänge mit meinen Großeltern - bei schönem Wetter obligatorisch . „Schönen Sonntag, Herr Lehrer“.. in zwei Minuten Takt, da Opa an dem Gymnasium in der Stadt in jeder Familie jemanden unterrichtete, den Sohn, die Tochter, die Mutter, die Tante, den Onkel... jeder kennt jeden . Mich überfiel immer ein gemischtes Gefühl, ich war stolz, aber ich fand das irgendwie auch lästig . Dieses ständige „ Küss die Hand , Frau ..., Küss die Hand Herr... „ Sowieso dieses ungarische „Küssdiehand“ wurde irgendwann zu doof. Aber in der Kleinstadt lebt man als Enkelin eines Studienrates angepasst und zieht gute Miene dazu. Man sagt nichts, man macht es mit und versucht den unausgesprochenen Erwartungen zu entsprechen . Wenn jemand die Eltern und Großeltern grüßt , dann grüßt man als Kind automatisch zurück. Ich war das wohlerzogene und unproblematische Kind. Etwas anderes wäre auch unvorstellbar gewesen . Und ich fand das - ganz ehrlich - nur manchmal öde . Ich kannte es auch nicht anders.
Ich liebte und respektierte meine Großeltern und stellte nichts infrage . Opa vergötterte ich sogar , das tat - und tut- meine Mutter auch. So war das in Ordnung. Und es war tatsächlich so in Ordnung, das ändert nichts an der Liebe zu meinen Großeltern . Was ich aber heute- erst nach hinein - in Frage stelle, ist diese steife Selbstbeherrschung, die Werte , die wir leben mussten. Schulbeste, aber wenigstens Klassenbeste, gute Sportlerin, aber auf jeden Fall wohlerzogen, immer lieb und einwandfrei zu sein. Mit der Kleidung, mit dem Jungen, der gerade mich nachhause begleiten möchte. Nie aus der Reihe tanzen .“ Was werden die Nachbarn sagen?“
Als ich im ersten Semester mein Studium abbrechen wollte, um eine Pause einzulegen und mit einem anderen Studiengang anzufangen, bat mich Opa zu einem - glaube ich- letzten Sonntagsspaziergang. Es war ein sonniger Novembertag. Opas letzte Worte am Ende der Runde vor dem Gartentor waren:
„Ich muss in dieser Kleinstadt mit gesenktem Haupt auf die Straße gehen, wenn du dein Studium abbrichst. Was werden die Menschen sagen?“ Klare Aussage. So zog ich sechs Semester und ein Staatsexamen Opa zuliebe durch und je kaum etwas mit dem Abschluss angefangen . Opa starb drei Wochen vor den letzten Prüfungen. Er hat das Finale nicht mehr erlebt. Wollte er es nicht mehr? War er der Sache sicher, dass ich das auch ohne ihn hinkriege? Weiß ich nicht. Ich war enttäuscht, es tat weh. Aber danach fing ich doch mit einem neuen Studiengang an. Wurde Studienrätin, in einer Kleinstadt. Ich wollte nie ins Lehramt und schon gar nicht in einer Kleinstadt am See leben. Das wurde aber mein Leben mit 42 Jahren. Jetzt nach 8 Jahren bin ich immer noch Studienrätin, aber endlich nicht in der Kleinstadt. Etwas konnte ich aus der Kindheit loslassen, aber ich habe sicherlich noch vieles in meinem Rucksack.
Ich bin meinem Opa immer noch sehr dankbar , er wollte das Beste, er konnte es nicht anders. Wer weiß , vielleicht war das auch richtig so. Es ist gerade ein sonniger November. Der letzte Sonntag war herrlich . Ich hätte gerne einen Sonntagsspaziergang in der Sonne mit Opa unternommen . Vielleicht hätten wir tolle Gesprächsthemen gefunden oder nur still das schöne Wetter und das Zusammensein genossen. Ich hätte die Frau „Wieheißtdie „ , den Herrn „Sowieso „ ( die letzten Jahre kannte Opa die Namen der ehemaligen Schülern nicht mehr) lächelnd begrüßt , weil wer Opa grüßt , den grüßt man automatisch zurück.


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Kinga!

Vielen Dank, dass Du mich mitnimmst in Deine Kindheit am Balaton. Ich habe meine Kindheit auch dort verbrecht - allerdings nur die Sommerferien. Was Du schreibst ist so interessant, zu sehen, wie Prägungen weitergegeben werden, wie wir sie annehmen, weil sie von den Menschen kommen, die wir am meisten lieben. Trotzdem geraten wir dadurch manchmal auf Wege, die nicht unsere eigenen sind. Je älter ich werde, desto häufiger gelingt es mir, mich von alten Prägungen zu emanzipieren. In aller Liebe und Respekt für diejenigen, die mir damit etwas Gutes tun wollten.

Herzlich! Deine Ildikó

Beitrag 6

Autor: Laura G.

Liebe Ildikó,

eine schöne Frage. Denn umso mehr man darüber nachdenkt, desto mehr stellt man fest, dass die Erinnerungen an all das Erlebte sich mit den Jahren verändern. Es ist z.B. der Schmerz über die Trennung der Eltern, der verblasst. Es sind die Orte der Kindheit, die man wieder besucht, die an Glanz gewinnen oder verlieren. Es sind die alten Bekannte mit denen man alte Vertrautheiten neu entdeckt - oder im Zweifel jetzt noch genauer verstehen kann, warum man sie noch nie gemocht hat.

Als Erwachsener hat man die Gabe Geschehenes aus vielen verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und Dinge dadurch besser zu verstehen. Mit jeder selbst gemachten Erfahrung als Mutter wird man milder mit den eigenen Eltern, wie ich finde. Mir z.B. fehlte lange die Einsicht, dass Eltern ja auch nur Menschen und dazu noch mit eigenen Bedürfnissen sind.

Was wir also von unserer Kindheit halten, hängt viel davon ab, aus welcher Perspektive und in welcher Stimmung wir sie betrachten. Für mich jedoch ist die Weihnachtszeit mit wunderbaren Erinnerungen verbunden, die sich jedes Jahr aufs Neue zeigen. Erinnerungen an viel gemütliche Familienzeit, ans Naschen und Kekse backen. An meinen Bruder, der „wann ist Weihnachten – dann wenn der Adventskalender leer ist“ viel zu wörtlich genommen hat. Und an einen Hund, der den Nikolausteller leer geputzt hat und trotzdem das geliebteste Haustier der Welt war.

Ich wünsche mir, dass auch meine Tochter später genau diese wunderbaren Erinnerungen mit der Weihnachtszeit verbinden wird.

Frohe Weihnachten,
Laura


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Laura!

Danke für Deinen Text! Ich sehe den gefräßigen Bruder und den gefräßigen Hund vor meinen Augen :-) Und ich gebe Dir vollkommen Recht: Erinnerung verändert sich mit uns. Manches, was wir mit Kinderaugen sahen, mag uns Angst oder Respekt eingeflößt haben - und es ist gut, wenn wir die Chance nutzen, es als Erwachsene immer wieder zu überprüfen und neu zu bewerten. Und ja, was wir als Mütter tun können, ist, unseren Kindern schöne Erinnerungen zu schenken.

In diesem Sinne auch Dir: Frohe Weihnachten!!!

Deine Ildikó

Beitrag 7

Autor: Henriette Müller

Wenn ich an meine Kindheit denke,
… spüre ich den kalten Rauch von Zigaretten in meiner Nase, in meinen Bronchien, in meinen Kleidern und in meinen Haaren. Dabei höre ich drei Herren mit ernster Stimme „18, 20, 22“ sagen. Sie halten ihre Karten verdeckt in der Hand. Neben ihnen steht ihr Bierglas. Es geht um viel. Mitten unter ihnen sitzt ein junges Mädchen und zählt das Geld.
… strömt ein warmer Duft von Rinderbraten mit Rotkohl, Knödeln und frischen Gewürzen durch meinen Körper. Gleich gibt es Mittagessen. Anschließend wartet ein frischgebackener Pflaumenkuchen mit Zimt auf alle. Die Stube ist frisch aufgeheizt, das Feuer tanzt in allen Farben.
… sehe ich ein junges Mädchen auf dem Boden sitzen. Sonst ist keiner zu Hause. Die Einsamkeit kriecht durch den Körper. Einziger Ansprechpartner ist das Radio. Es ist Sonntagabend. Gleich ist es soweit, gleich wird Stephanie Tücking die Hitparade präsentieren. Das Geheimnis ist gelüftet. Pink Floyd liegt mit „The wall“ auf Platz 1. Wie Pipi Langstrumpf wird sich das Mädchen nun selbst auffordern, endlich ins Bett zu gehen.
… erinnere ich mich an ein wildes Mädchen, das nach der Schule seinen Ranzen in die Ecke schmeißt, schnell zu Mittag isst und hurtig die Hausaufgaben erledigt. Es hat ein Ziel. Treffpunkt 15.00 Uhr an der Straßenecke. Die ganze Kinderschar aus der Nachbarschaft trifft sich. Endlich kann der Tag beginnen. War es zu wild, gab es eine Woche Hausarrest.
… vernehme ich die Schulglocke. Endlich Ferien. Sechs Wochen, was für eine Ewigkeit. Zu Hause sind die Koffer schon gepackt. Mit Ferienbeginn werde ich sofort an einen anderen Ort katapultiert. Wie ein Päckchen verschickt man mich mal zur Oma, mal zur Tante, mal zum Onkel oder mal in ein Ferienlager. Hauptsache ich bin aufgeräumt.
… höre ich die warme Stimme meiner Oma und rieche ihr schweres Parfüm. Sie zeigt mir Fotos aus vergangenen Zeiten und erzählt unglaubliche Geschichten vom Krieg, von Familiendramen und von Liebe. Oma und Enkeltochter sind einander verbunden und tauchen ein in ihre eigene Welt.

Wenn ich an meine Kindheit denke, habe ich ambivalente Gefühle.


Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Henriette,


Du beschreibst Deine unterschiedlichen Erinnerungen so bildhaft, dass ich fast denke, es wären auch meine Erinnerungen :-) "Hauptsaceh ich bin aufgeräumt." Ein Klasse-Satz, den sicher viele so empfinden.

Ich danke Dir und grüße herzlich!

Ildikó

Beitrag 8

Autor: Andi S.

Wenn es schon Mittags dämmert und es plötzlich dunkler wird,
brauche ich meine Bitterschokolade mit 85% Kakao
rationiert auf ein 25 Gramm Riegel pro Tag,
zur Verfeinerung gibt es heute aber noch eine kleine Pralinenkugel.
Schwere Wolken schieben sich zusammen,
und Regentropfen prasseln auf das Fensterbrett,
welch schöner Klang, angenehm im Trockenen zu sein.
Schnee wär jetzt zur Weihnachtszeit schon etwas heimeliger,

Ok, jetzt bin ich „ready for take off“ zum schreiben über die Kindheit.

…..was haben wir damals Schneemänner gebaut,
am besten war der noch etwas nasse Schnee,
der hat sich verdammt gut zu riesigen Kugeln rollen lassen,
ein Iglo haben wir daraus gemacht,
entweder aus einem großen Haufen ausgehöhlt,
oder handwerklich aus Schneesteinen gemauert.
Ach, Iglo, was sage ich,
Burgen, regelrechte Festungen haben wir aus dem Boden gestampft,
alles natürlich unter ständigem Schneeball Beschuss des „feindlichen“ Lagers.
Mann, wo kamen all die Kinder her, heutzutage muss man ja froh sein,
wenn man überhaupt mal ein paar Knirpse auf der Straße zu Gesicht bekommt,
die können einem echt leid tun, wie die zugeschüttet werden mit Lernstoff
und der „Förderung durch sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ ausgewählt von übereifrigen Eltern.
Alles flankiert von Smartphone-Apps, (Anti-)Social-Media und Playstation,
garniert mit ständig wechselnden Narrativen vorzugsweise apokalyptischer Natur.
Ich bin wirklich froh,
das auch meine 2 Söhne noch im Schnee spielen konnten,
pünktlich zum Winter holten wir die beiden Holzschlitten aus dem Keller.
Die Kufen wurden gewachst, dann ab zum Schlitten fahren,
so lange bis es selbst im Eskimoanzug zu kalt war.
Der Älteste war eine Zeitlang so lern faul,
und hat mit Ach und Krach das Abi geschafft,
aber es ist aus allen was geworden,
trotz oder wegen Ihrer hoffentlich schönen Kindheit.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Lieber Andreas (entschuldige, dass ich Deinen Namen "Andi" beim letzten Beitrag für einen Frauennamen gehalten habe :-)!

Ach ja, die Schneemänner der Kindheit! Ich erinnere mich auch an etliche. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie schon damals die Ausnahme waren, den da wo ich herkomme, waren die Winter in der regel schon immer verregnet :-)

Ist es nicht schön, dass es nicht darauf ankommt, wie es wirklich war?

Herzlich! Deine Ildikó

Beitrag 9

Autor: Camilla Münker

Liebe Ildiko,
meine Kindheit scheint seit ein paar Monaten wieder aufzuerstehen in Form von traumatischen Erinnerungen, Gefühls-und Körperzuständen. Seit September bin ich bei einer traumaorientierten Körpertherapeutin und fühle mich zurückversetzt. Es ist, als würde das tramatisierte Kind von früher das Steuer übernehmen in meinem Leben. Ich stehe daneben und fühle mich hilflos. Ich kann trotz Schlafmittel kaum schlafen, ich habe Angstzustände, mein Körper fühlt sich elend und schwer an und scheint alles hervorzuholen, was er lange stillschweigend mit sich getragen hat. Ich fühle mich überschwemmt. Ich versuche, meine Nase über Wasser zu halten, um Luft zu bekommen, aber immer wieder reißen mich Wellen von Angst, Traurigkeit, Verzweiflung nieder. Ich fühle mich, als gäbe es mich nicht mehr wirklich, als sei nur noch Trauma da. „Wenn du nicht mehr wärst, dann gäbe es dich schon lange nicht mehr.“ stellt meine Schwester am Telefon fest. Das hilft mir etwas. Ich hangel mich irgendwie durch die Tage, ich bin da, aber auch wieder gar nicht da. Die Tage erscheinen mir ewig und gleich. Vor den Nächten habe ich Angst. Ich schreibe, um mich irgendwo wiederzufinden. Ich schreibe seit langem Tagebuch, eine Art Schreibtherapie. Es kann rausfließen, was in mir ist. Ich wünsche mir, dass meine Kindheit nicht mehr mein jetziges Leben bestimmt. Ich wünsche mir Frieden mit meinem Körper, den ich immer abgelehnt und weggeschoben habe. Ich wünsche mir Frieden mit dem verletzten Kind in mir, das ich lange nicht hören wollte, das aber jetzt unüberhörbar schreit. Ich träume von diesem Kind. Ich höre etwas schreien und entdecke in einem kleinen Grab unter einer dünnen Decke ein fast erfrorenes und verhungertes Kind. Ich nehme es aus dem Grab, ich bin erschrocken über seinen Zustand, ich halte es an meinen Körper, um es zu wärmen und traue mich kaum hinzusehen, wie ernst sein Zustand ist. Ich suche einen Raum, ich suche etwas zu essen. Das Kind sieht mich an. „Wie konntest du nur so blind werden?“ fragt es mich. Und ich weiß keine Antwort. Ich weiß, das ist die Lösung für meine jetzige, verfahrene Situation – ich muss das Kind aus seinem Grab holen, ich muss die Große sein, aber irgendetwas steht noch dazwischen. Ich weiß nicht was. Ich möchte nichts mehr, als das Kind von damals zu halten. Aber ich habe Angst. Angst vor seinen tiefen Gefühlen. Genau wie ich vor meinem Körper Angst habe, der mit etlichen Symptomen ebenfalls nach mir zu schreien scheint. Auch vor ihm habe ich Angst. Angst, was er noch an Krankheit entwickeln könnte, damit ich wach werde. Damit ich handle. Was hält mich zurück? Ich wünsche mir nichts mehr als Frieden mit dem Kind in mir und mit meinem Körper. Ich halte mich am Schreiben fest. Das Schreiben bringt mich etwas zur Ruhe, sortiert meine Gedanken und Gefühle. Ich schreibe und verspüre den Wunsch, mich mit meinem Tagebuch Menschen mitteilen zu können, um nicht mehr einsam mit dem Trauma zu sein. Um aus der Enge und Ohnmacht auszbrechen, die ein Trauma mit sich bringt. Ich würde mich gerne schreibend heilen und mich mitteilen, gesehen, gehört werden, andere Betroffenen vermitteln, du bist nicht alleine, anderen Menschen vermitteln, so fühlt sich ein Trauma an, jeden Tag, jede Nacht.
Wie fängt man das an, mit seiner Geschichte rauszutreten? Wie erstellt man aus einem Tagebuch ein Buch? Wie findet man die passenden Menschen, einen Verlag? Woher weiß man, ob es nicht eine irre Idee ist oder ein Wunsch, der erfüllbar ist?
Ich freue mich über Deine Gedanken und vielleicht Tipps. Und ich hoffe, ich habe mit dem Thema nicht überfordert.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebe Camilla,

da bist Du ja gerade auf einem wirklich sehr schweren, unebenen und anstrengenden Weg! Wie mutig Du bist, ihn zu gehen! Ich hoffe, Du bist in guten therapeutischen Händen, denn das scheint mir sher wichtig zu sein, wenn man sich den Traumata vergangener Zeiten aussetzt. Das Schreiben kann dabei nur hilfreich sein, davon bin ich überzeugt. Das Veröffentlichen ist dabei ehrlichgesagt nebensächlich. Der Prozess des Ausdrückens von gedanke in Schrift ist meiner Meinung nach unglaublich wertvoll. Trotzdem ist es natürlich kein irrer Gedanke, ein Tagebuch auch veröffentlichen zu wollen:-) Aber mehr als den Tipp, ein paar Verlage anzuschreiben, die Du für Dein Buch für geeignet hältst, kann ich Dir da leider nicht geben. Versuch das doch mal! Ich wünsche Dir viel Erfolg dabei - und immerhin ist dieser Beitrag auf meiner Seite ja auch öffentlich und vielleicht ein kleiner Schritt in Richtung der Verwirklichung Deines Traumes. Herzlich! Deine Ildikó

Beitrag 10

Autor: Clärchen V.

Liebe Ildikó,

Es ist mal wieder Sonntag, und die Seite/Frage zum Thema „Kindheit“ befindet sich seit Wochen angefangen und immer mal wieder ergänzt in einem Prozess; heute mag ich sie loslassen und losschicken. Auch wenn sich das Geschehen diesbezüglich gedanklich weiterspinnt.

Kindheit, das war für mich

...als ich noch genau „wusste“, was richtig und was falsch ist
...als ich noch dachte, dass alles einfacher wird, wenn man erwachsen ist
...als ich noch leichter die Zeit vergessen konnte
...als ich Fahrrad fahren gelernt habe
...als ich bei „Engelchen, Engelchen flieg!“ noch an großen Leichtigkeitsspaß zwischen Elternhänden gedacht habe, und nicht (als Kinderkrankenschwester) an "Sternenkinder"
...als ich mit meiner besten Freundin Sabine, die nur zwei Häuser weiterwohnte, Briefe geschrieben habe, als wir krank waren, und unsere jüngeren Schwestern diese überbringen „durften“
...als es mir noch leichter fiel, auf kleine Dinge großartig stolz zu sein
...als ich noch alles geglaubt habe, was „die Großen“ mir erzählt haben
...als ich viel mehr gesungen habe
...als ich mich noch getraut habe, Fragen zu stellen, die eigentlich "tabu" waren/sind
...als ich alle MonChiChis behäkelt habe
...als ich noch werden wollte, wie meine Mutter
...als ich auf Urlaubsfahrten im Auto beim Klang der Stimmen meiner Eltern geborgen eingeschlafen bin
...

Also, eine Mischung aus Wehmut und Dankbarkeit, wie vermutlich bei vielen, und je nach Tagesverfassung überwiegt mal das Eine, mal das Andere. Meine Wahrheit sind sie alle.

Danke für diese Frage und den damit angestoßenen inneren Prozess!

Herzliche Grüße,
Clärchen ;-)

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Danke für Deine Antworten, Clärchen! Jede einzelne von Ihnen weckt auch in mir Erinnerungen, Dankbarkeit, Wehmut, Zustimmung - und ein mildes, trauriges, glückliches Lächeln. Herzliche Grüße! Deine Ildikó