Es wird Zeit – die Kolumne

Alle zwei Wochen erscheint in der Zeitschrift BRIGITTE meine Kolumne. Ich frage Menschen, die es besser wissen. Auf alles, was mich interessiert bekomme ich eine kluge Antwort! Ein Glück! Über die Liebe, das Geld, die Sterne, über Erziehung, Klima, Vergänglichkeit und Haustiere. Und es gibt so viele Fragen die noch gestellt werden und so viele Antworten, die noch gefunden werden wollen!

BRIGITTE 01/2021

„Das Ei nimmt sich, was es will!“

Ich nehme mir die Zeit

...ohne Rezept zu kochen
...meine Spezialität zu entdecken
...Nudeln selber zu machen

Ich koche grundsätzlich ohne Gene. Mir mangelt es an angeborenem Talent zur lässigen und rezeptlosen Zubereitung essbarer oder gar gelungener Malzeiten. Und mir fehlt sowohl der Mut als auch die Abenteuerlust, unerschrocken Zutaten und exotische Gewürze zu kombinieren, deren Namen mir so unbekannt sind wie die Vororte von Damaskus. Um dieses genetische Defizit durch erworbenes Wissen auszugleichen, habe ich die kluge und wunderbare Sterneköchin Léa Linster in meine Küche gebeten, wo sie auf stumpfe Messer, olle Töpfe und einen schönen, aber schwierigen Herd trifft. „Das Leben gehört den mutigen Frauen,“ ruft Frau Linster entschlossen und versorgt mich mit Koch- und Lebensweisheiten, während sie unerschrocken wie die Amazonenkönigin Penthesilea nach dem Kartoffelschäler greift. „Nicht alles ist ein Fehler, was zunächst danach aussieht. Vielleicht erfinden Sie versehentlich etwas Neues. Haben Sie keine Angst! Wenn es nicht das wird, was es werden sollte, dann taufen Sie es einfach um.“

„Und wenn es nicht schmeckt,“ frage ich zimperlich und bewundere ihre Art, Zwiebeln zu schneiden und reichlich Butter in einem eleganten Bogen aus der Hüfte heraus ins Mehl zu werfen. „Zack!“ ruft die Amazone fröhlich. „Was heißt denn schon nicht schmecken? Wenn wir zum ersten Mal einem Marsmännchen begegnen, wissen wir ja auch nicht, ob es hübsch ist oder nicht, solange wir die anderen noch nicht gesehen haben.“

Ich darf ein paar Basilikumblätter abzupfen, während Léa Linster mir sagt, dass Knoblauch und Ingwer sich gut vertragen, ein wenig angerösteter Kurkuma die Farbe unserer Suppe rettet, Eier sich stets soviel Mehl nehmen, wie sie brauchen und Äpfel von außen und Birnen von Innen faulen.

Meine Küche ist nicht wiederzuerkennen. Es scheint, als blühe sie unter den Händen der Haut-Cuisine-Göttin auf. Die Messer scheinen schärfer und der Herd weniger launisch zu sein.

„Sie müssen sich eine Spezialität aneignen,“ rät mir Léa Linster. „Etwas, was nur Sie genauso kochen können und was Ihre Gäste immer wieder essen wollen.“ Hilfesuchend schaue ich nach meinen Kochbüchern. Frau Linster bemerkt meinen Blick und sagt: „Ihre Spezialität muss vom Herzen kommen, und dafür brauchen Sie kein Rezept. Denn wenn es in einem Buch steht, ist es ja schon die Spezialität von jemand anderem.“

Am Ende dieser Lehr-Stunden ist aus meiner Küche eine Sterne-Küche geworden und ich darf ein unvergleichliches, köstliches Menü aus Linsensuppe, Coq au Vin und Apfel-Tarte genießen. Beschwingt verabschiede ich die Meisterin des mutigen Kochens mit der festen Absicht, mir eine Nudelmaschine, eine Tarte-Form und neue Messer zuzulegen. Und mehr Mut. „Wenn nichts alles glatt läuft, ist man gerade mitten in einem Abenteuer,“ sagt Léa Linster zum Abschied. Und schon hab ich wieder was fürs Leben gelernt. Guten Appetit!

 

BRIGITTE 26/2020

Da geht noch was!

Die Versuchung ist groß. Decke über den Kopf, Kekse knabbern und dabei leise maulen, dass die gute, alte Weihnachtszeit auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Im Grunde genommen ist ja nichts mehr das, was es mal war. Sehr bedauerlich. Die Kinder werden groß, die Knochen werden alt und jetzt neigt sich auch noch das Jahr dem Ende zu. Es war, weiß Gott, kein gutes Jahr.

Mut und Energie waren Mangelware, der Abstand und die Enge sind zur Normalität geworden, während unser Leben zusammengeschnurrt ist wie eine zu heiß gewaschene Wollsocke. Was geht noch, wenn so gut wie nichts mehr geht?

Als Maria Furtwänglers Vater an Alzheimer erkrankte, gab ihr eine Freundin den Rat, sich nicht auf das zu konzentrieren, was von Tag zu Tag, von Stunde zu verloren ging, sondern auf das, was ihm und ihr blieb. Bis zu seinem Tod hat sie diesen Rat beherzigt und sie versucht bis heute, den Focus in ihrem Leben auf die Möglichkeiten, statt auf die Unmöglichkeiten und die Verluste zu richten.

„Es ist ohne Frage so, dass ein viel stärkeres Bewusstsein ob meiner Endlichkeit eingesetzt hat,“ sagt sie mir. „Ich ertappe mich dabei, dass ich mich am Ende des Sommers frage ‚Wie viele Sommer habe ich noch?‘ Aber vieles wird durch dieses Bewusstsein kostbarer und ich habe mehr denn je das Gefühl, es fängt doch gerade erst so richtig an, Spaß zu machen! Natürlich ist das Leben als knackiges, scharfes Ding vorbei – aber die Energie, die jetzt frei wird, die Möglichkeiten gepaart mit der Erfahrung und den neuen Freiheiten, die wir haben, finde ich sensationell!“

Maria Furtwängler hätte auch sehr schön als Motivationstrainerin arbeiten können, wenn sie nicht schon Ärztin, Schauspielerin, Feministin und seit drei Jahren auch Produzentin wäre. Wir sind seit etlichen Jahren befreundet, eine Beziehung die, wie man sich denken kann, stets bereichernd, aber nur selten von faulem, sich gegenseitig gemütlichem Bemitleiden geprägt ist.

„Ich habe sehr spät eine eigene Firma gegründet, weil ich mir vieles nicht zugetraut und mit Staunen die jungen Männer gesehen habe, die einen Film nicht nur inszeniert, sondern auch gleich produziert haben,“ sagt Maria. „Die Angst, es nicht gut genug zu machen, und mein Perfektionismus haben mich gehemmt. Wie vielen Frauen hat auch mir die Bereitschaft zum Scheitern gefehlt. Aber ich bin sehr viel mutiger geworden.“

Das ist ermutigend. Es tut gut, solche starken Frauenstimmen zu hören, besonders wenn man selbst, wie ich, hin und wieder zu Jammerlappigkeit und Verzagtheit neigt. „Das, was unabänderlich ist, sollten wir mit liebevollem Humor nehmen. Der Körper entwickelt sich hin zu einem Zustand, in dem man ihn nie sehen wollte. Der Hintern hängt und die Beine sehen auch nicht mehr aus, wie mit 20. Aber sie haben mich schon so viele Berge hinaufgetragen und ich empfinde eine große Zärtlichkeit gegenüber meinen Beinen und meiner Endlichkeit, die mich mit den Frauengenerationen vor mir verbindet. Das hat etwas Versöhnliches.“ Bergsteigen also. Warum nicht?