Beitrag 1 von Ildikó von Kürthy

Schreiben wir gemeinsam! Über Fehler.

Doof, wenn kein anderer schuld ist. Noch blöder, wenn man nicht zugibt, dass man selber Schuld hat. Aber am Schlimmsten ist es, wenn man glaubt, Fehler seien was für Versager. Damit kann man Kindheiten, Karrieren und Unternehmen ruinieren, Phantasie und Wagemut im Keim ersticken und aus potentiellen Helden entmutigte Dauerzauderer machen. Es bleibt ein Wagnis und ein Balanceakt zwischen Sicherheit und Abenteuer. Aber da Fehler ohnehin nicht zu vermeiden sind, sollten wir sie wenigstens richtig machen, sie zügig zugeben und im besten Fall aus ihnen lernen. Dann hat man gute Chance immer wieder neue Fehler zu machen.

Beitrag 2

Autor: Clärchen

Liebe Ildikò,

da sitze ich, an diesem Sonntagvormittag, und schäme mich.
Weil ich einen Fehler gemacht/ etwas Wichtiges vergessen habe.
Und denke, Schreiben darüber hilft vielleicht.
Hatte ich sowieso heute vor, mich mal wieder einer Sonntagsseite zu widmen.
Kurz hab ich überlegt, ob mein Thema zum „Verzeihen“ oder zum „Fehler machen“ passt, aber weil das Schamgefühl grad überwiegt, packe ich es hierhin.

Heute ist Jahrestag.

Heute vor 4 Jahren wurde mein Mann zum zweiten Mal lungentransplantiert.
Mit nicht ganz so vielen Komplikationen wie beim ersten Mal.
Diese Zeit und dieses Wunder haben unser Leben sehr verändert und sind so gesehen täglich Thema.
In Dankbarkeit und in Nebenwirkungen. In „Wieder-möglich“-keiten und in „Für-immer-eingeschränkt“-heiten.
In der Freude über „Kleinigkeiten“ und der Angst, auch bei jeder Kleinigkeit, die einen auch immer begleitet. Damals hat er mal gesagt, er will das nicht so machen, wie viele andere, und „Lungengeburtstag“ feiern.
Wenn jemand dran denkt und ihm gratuliert, freut er sich aber doch.

Vor ein paar Tagen haben wir noch darüber gesprochen.
Wie das war, in der MHH zu warten, zu hoffen, zu harren, auszuhalten.

Und heute, ….,
verbringe ich den Morgen damit, mich mit meinen Tagebüchern hinzusetzen und
meine Träume aufzuschreiben,
mir einen extra großen Kaffee zu machen,
mir im Bad Zeit zu lassen,
und erst dann, als mein Mann sagt, "Heute vor vier Jahren haben wir noch gewartet, ob / dass es los geht",
fällt es mir wieder ein.
Eine Schamhitzewelle nach der anderen strömt durch mich hindurch.
Sowas wäre mir früher nicht passiert.
Da hätte ich schon Tage vorher einen Gabentisch vorbereitet,
etwas Schönes für den Tag geplant,
eine Karte vorbereitet,
etwas gebacken gekriegt
im doppelten Sinne…

Es tut mir so leid.
Ich habe mich natürlich entschuldigt, und er sagt, lieb wie er ist, es sei nicht schlimm,
aber es fühlt sich wie ein Fehler und eine Nichtachtung an,
und ich sehe in seinem Blick, dass er doch auch enttäuscht war.

Kurz kam mir der Gedanke, ob „ Das Leben JETZT leben“ nicht auch eine Würdigung des Geschenkes sein könnte, aber vielleicht ist das auch nur der Wunsch nach „es mir schönreden“.
Vielleicht kann ich es eines Tages auch als „Besserung meiner Zwanghaftigkeit“ wahrnehmen,
dass ich mich außerhalb von „Ich darf nichts übersehen“ bewegt habe.

Und dennoch:
Ich kann es nicht rückgängig machen und es tut mir wirklich leid.
Ich versuche, es ein Stück wieder gut zu machen, heute und hier.
Dazu zu stehen.
Und dann kein Gewese mehr um mich zu machen,
stattdessen uns einen schönen Tag,
vielleicht das einzige, was es nicht noch schlimmer sondern
Sinn macht.

Danke fürs Teilen-dürfen,
dass hier Raum ist, auch "Eckiges" miteinander zu teilen.

Herzliche Grüße,
bis zum nächsten Mal,
"Clärchen"

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Liebes Clärchen,


mir kommt beim Lesen Deines Textes Folgendes in den Sinn: Könnte es nicht auch ein wunderbares Zeichen sein, dass Du diesen Tag mittlerweile wahrnehmen kannst wie einen ganz normalen Tag? Die Angst, die Hoffnung, der Schmerz - all das spielt keine Rolle mehr. Wichtig ist: Dein Mann ist da, er lebt und ihr könnt jeden Tag zusammen sein und feiern. Ihr habt gewonnen.

Nur so eine Idee.

Herzlich!

Deine Ildikó

Beitrag 3

Autor: Claudia aus Berlin

Liebe Ildikó,

Ach ja, Fehler – wir haben sie, wir machen sie – erst sie machen uns zu Menschen und doch sollten wir sie zugeben, wenn wir sie erkennen. 

Sie gehören zum Leben dazu und erst aus Fehlern lernt man. Nur allzu streng sollten wir nicht mit uns sein. Das sind im Zweifel schon die anderen. Vor allem die gar nicht so seltenen Exemplare unter uns, die meinen selbst völlig fehlerfrei und über jeden Zweifel erhaben zu sein. 

Wenn ich diesen Zeitgenossen eines immer schon mal sagen wollte: ‚Das zu glauben, ist euer größter Fehler!‘

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Du hast soooo Recht! Danke, liebe Claudia und viele herzliche Grüße!