Beitrag 1 von Ildikó von Kürthy

Schreiben wir gemeinsam! Über die Wahrheit.

Es gibt kein Recht auf Wahrheit. Man kann nur hoffen dass der, der einen belügt oder nicht belügt, beides nach eingehender Prüfung, liebevoll und mit bestem Gewissen tut. Denn die Wahrheit ist kein höherrangiger Wert an sich und tatsächlich gibt es auch ein Recht darauf, belogen und beschützt zu werden. Meine Mutter wollte nicht wissen, wann sie sterben würde. Sie hat mich nie nach der Prognose der Ärzte gefragt. „Weihnachten feiern Sie ohne sie,“ hatten die mir gesagt. Und es wäre mir unmenschlich, lieblos und im Grundsatz falsch erschienen, mich dem Wunsch meiner Mutter zu widersetzen und ihr eine Wahrheit aufzudrängen, die sie nicht hören wollte. Sie starb nach Ostern und war bereit. 

Beitrag 2

Autor: Claudia aus Berlin

Liebe Ildiko,

Wahrheit - was für ein großes Wort. Ich frage mich schon lange, ob es d i e Wahrheit überhaupt gibt. Irgendwann fällt in jeder Diskussion ein Satz wie, "Das ist nur ein Teil der Wahrheit" oder "Das gehört zur Wahrheit auch dazu" oder eben "Das ist nur die halbe Wahrheit". Mittlerweile glaube ich, daß Wahrheit immer subjektiv und eine Frage der Perspektive ist, es die eine, ultimative, absolute Wahrheit, die immer und für jeden gilt, gar nicht gibt. Selbst ein renommierter Wissenschaftler meinte dazu in einem Interview, dass auch Wissenschaft stets nur Wahrheit auf Zeit sei. Und was nun die ganze oder nur die halbe Wahrheit ist und ob die halbe reicht, auch das liegt wohl immer im Auge des Betrachters.

Die Vorstellung nie zu lügen oder belogen zu werden, mag im ersten Moment vielleicht nach perfekter Harmomie klingen, aber möchte ich wirklich nie lügen dürfen oder belogen werden? Und wie definiere ich überhaupt Lüge? Ist es schon gelogen, wenn man manchmal einfach schweigt, weil man die Wahrheit lieber nicht sagen möchte? Ich hoffe einfach, daß die Menschen, die sich hin und wieder entscheiden, mich zu belügen oder zu schweigen, es gut mit mir meinen, denn so verfahre auch ich mit denen, die mir wichtig sind.

Was eine Lüge wert ist und wo man besser bei der Wahrheit bleibt - ob nun halb oder ganz - muß jeder für sich selber immer wieder neu entscheiden und ja, diese Entscheidung fällt manchmal sehr, sehr schwer.

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Danke, liebe Claudia, das sehe ich auch so! Herzlich!

Deine

lldikó

Beitrag 3

Autor: Andreas



Auf der Suche nach der Wahrheit, ein verstaubtes leeres Papier vor mir, kein Wort fällt mir ein, mein Geist ermattet und der Schreibstift gleitet mir aus der Hand. Jeder Begriff, jeder Gedanke, scheitert an der Hürde, etwas Besonderes, etwas Bedeutendes darzustellen. Ein kleines Etwas namens Wort, soll aneinander gereiht die Formel der Welt sein? Wie alles war, wie alles ist und wie alles wird, welch Unterfangen. Selbst wenn einem etwas vage eingefallen ist, liegt vor einem ein Puzzle aus einem Haufen von unsortierten Wörtern. Eine kleine Hilfe wäre nicht schlecht, an schlauen Menschen mit einem großen Mitteilungsbedürfnis, unzähligen Ratgeber-Büchern aus Psychologie und Philosophie ist die Gegenwart doch reichlich gesegnet. Man liest dieses und jenes Buch, um sich richtige und tiefe Gedanken einzuverleiben. Aber oh je, welch komplizierte Gedankengebäude, und ständig beschleicht mich das Gefühl, auf der falschen Fährte zu sein. Ist die Wahrheit vielleicht ohne Wörter zu begreifen, wie im Zen? Aber die absolute Autorität des Zen-Meisters und das stundenlange Zazen sind auch nicht mein Ding. Wie wäre also ein Ausflug in die Antike, dort, wo die Menschen ähnliche Probleme hatten wie wir, allem voran das Thema Aufstieg, Wohlstand und anschließende Dekadenz von Hochkulturen. Vielleicht kann mir Seneca, Marc Aurel und Epiktet bei der Suche helfen. Schon besser, aber Seneca hat sich dann leider entzaubert durch seinen Materialismus, Marc Aurel durch seinen Schwermut und Epiktet durch seine Lethargie, bleibt vielleicht Epikur …der Lustmolch ;-)) Wie also könnte ich jemals die Wahrheit in mir spüren, würde es nicht reichen, achtsam seine Dinge zu tun? Aber schreiben will Es doch, das Innere, und der Anspruch des Gelingens ist auch da, eben weil durch das Schreiben, mangelnder Tiefgang im Alltag zurückgeholt werden kann. Also eine Beschreibung, eine Annäherung an das, was in mir und außerhalb schlummert. Nun, des Geistes Wirren entledigt, den Missmut hinfort gewischt, auf nun, zu einem Text der anfängt zu berühren, auf nun, Wahrheit in Worte gießen und spüren auf dem richtigen Weg zu sein.
„An der Amalfi-Küste, eine sinnliche Frau mit geflochtenem Haar, schreitet verträumt durch einen schönen Garten und pflückt bunte Blumen, Ihr leichtes Sommerkleid wird vom warmen Wind gestreichelt, der vom Meer herauf weht und sich mit Ihren Parfum harmonisch vereint. Von weitem sind die Stimmen und Geräusche der Stadt zu hören, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern, es liegt das Gefühl des Lebens in der Luft, der Tag ist noch jung, erwartungsvoll blickt man in die kommenden Stunden, man möchte das Leben aufsaugen, in seiner Einzigartigkeit, nie sollte so ein Tag enden, nie sollte das Leben enden. Es vergeht der Mittag und wenig später versinkt die Sonne im Meer, die Tafel auf der Terrasse ist reichlich gedeckt, und noch ehe man den Abend richtig greifen konnte, verabschieden sich die Gäste bei einem letzten Schluck Wein. Ein schöner Tag geht zu Ende, vollendet durch die Leidenschaft der Nacht. So schnell wie ein einzelner Tag, vergeht auch unserer Leben, wie im Zeitraffer, eilen wir und unsere Zeit dahin. Aber bevor es soweit ist, geht Morgen erstmal die Sonne wieder auf, und alles was einem misslungen ist, bekommt eine neue Chance. Ergreifen wir mutig den neuen Tag, der uns immer und immer wieder geschenkt wird. Erheben wir uns über die Verdrießlichkeit, denn noch leben wir, noch sind wir jung im Herzen, noch sind wir stark im Geiste. Anmut wird in unserem Gesichte erkennbar sein, wenn wir Wahrheit spüren, auch wenn es nur die halbe Wahrheit wäre.“

Kommentar von Ildikó von Kürthy

Lieber Andreas, was für ein furioser Abschiedstext! 

Danke für Deine bereichernde Begleitung durch dieses Seiten. Ich freue mich auf eine Wiederbegegnung und bis dahin: "ergreifen wir mutig den neuen Tag!" 

Sehr herzlich! 

Deine Ildikó